Die Jahrhundertwende 2000

Wo künftig die Kinder herkommen könnten

In der Silvesternacht: Gespräch in der Kneipe

Die Toilettentür ging auf und ein Mann mittleren Alters, der nicht gerade einen frischen Eindruck machte, kam raus, ging zum Nachbartisch, sah Hirschberg, nahm das Bierglas und setzte sich an Hirschbergs Tisch mit der Bemerkung „Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich ihnen Gesellschaft leiste.“ Hirschberg war die Aufdringlichkeit zuwider, aber er wollte keinen Aufstand machen.

Der Mann stank nach Alkohol und Zigaretten. „Stört es Sie, wenn ich rauche?“, fragte er. Er hatte schon die Packung in der Hand und begann, sich eine Zigarette herauszufingern. Hirschberg energisch: „Das würde mich sehr stören, und ich würde Sie bitten, an einen anderen Tisch zu gehen.“ Der Mann steckte mit einem Achselzucken die Zigarette wieder zurück.

Hirschberg fragte den ungebetenen Tischgenossen: „Was haben Sie denn für gute Vorsätze für das neue Jahr?“

„Gegen Vorsätze, die man nicht fasst, kann man auch nicht verstoßen. Nein, keine guten Vorsätze. Die halten doch höchstens ein paar Wochen. Ich brauche den Alkohol, wenigstens ein bisschen. Wie sollte ich sonst den Zustand seligen Vergessens finden?“

Hirschberg sah in wässerige blaue Augen. Er fragte streng: „Was wollen Sie vergessen?“

„Die Frauen wollen immer Exklusivität.“ Das war keine Antwort, zeigte aber an, woher der Kummer kam.

„Sich zu etwas zwingen, tun Sie ungern?“
„Warum sollte ich das? Ich bin ein freier Mann. Und ich will das Leben genießen.“
„Nur die Frauen wollen’s exklusiv.“
„Das habe ich eben gesagt, nicht wahr?“

„Was Sie damit meinen, verstehe ich allerdings nicht.“ Sein Gegenüber: „Sind Sie verheiratet?“

„Gewesen.“
„Und jetzt leben Sie allein?“
„Meine Frau ist gestorben.“

„Meine Frau hat sich von mir scheiden lassen. Ich war auf Außendienst und hab’ da eine andere nette Person kennengelernt – das hat sie gemerkt und mir Terror gemacht. Sie wollte es exklusiv haben. Verstehen Sie jetzt?“

„Sie meinen, Ehefrauen sollten großzügig sein.“

„Ich kann eifersüchtige Frauen nicht ausstehen. Das ist doch nur Egoismus. Warum soll ich denn nur einen Menschen lieben können!“

„Von all den Menschen, die Sie lieben, war heute Abend aber niemand in Ihrer Nähe. Sonst wären Sie nicht hierher unter Menschen geflüchtet.“

Der etwas wabbelig fette Mann mit strähnigen blonden Haaren, korrekt auf der rechten Seite gescheitelt, fuhr mit der Hand durch die Frisur, die dadurch etwas in Unordnung geriet. Er machte eine ratlose Miene. Er seufzte: „Ja, meine Freundin und ich, wir haben uns gestern leider gestritten. Wir konnten uns nicht einigen, wohin wir in dieser Nacht gehen, wo wir Silvester feiern sollten.“

„Ach ja! Und das war dann der Grund, getrennte Wege zu gehen.“
„In der letzten Zeit habe ich immer um des lieben Friedens willen klein beigegeben.“

„Die Frauen sind eben nicht mehr so, wie Frauen mal waren. Die wollen heute mindestens mitreden, lieber noch bestimmen, was gemacht wird. Früher gab es klare Verhältnisse: Der Mann hatte das Sagen und las seiner Frau die Wünsche von den Lippen ab. Das waren gute Ehen.“

Brendel – er hatte sich mittlerweile vorgestellt und auch Hirschberg hatte seinen Namen genannt –  übernahm Hirschbergs lebensklugen Tonfall: „Es kann immer nur einer bestimmen. Wenn eine Frau das nicht einsieht und immer das entscheidende Wort haben will, muss man sie verlassen. Eine Zeit lang kann man ihr Recht geben, aber nicht auf Dauer.“

Brendel erzählte: Eines Tages habe ihn auf einem Betriebsausflug eine Kollegin angesprochen. Sie seien ins Gespräch gekommen, und er habe ihr schließlich andeutungsweise von seiner unglücklichen Ehe erzählt. Die Kollegin habe sich sehr verständnisvoll gezeigt. Ihm habe das gut getan. Endlich war da jemand, mit dem er über seine Probleme sprechen konnte. Seine Frau habe durch einen dummen Zufall von der Beziehung erfahren und ihm eine Szene gemacht. Da damals noch Treue, also Exklusivität, zu seinen Eheprinzipien gehört habe, wäre es für ihn selbstverständlich gewesen, den Kontakt mit der Kollegin auf das rein Dienstliche zu beschränken.

Seine Frau habe das indes bezweifelt. Ihrerseits habe sie sich mehr und mehr auf ihre Karriere konzentriert. Mit Erfolg. Sie sei ins Management aufgestiegen. Sie habe mehr Geld verdient als er. Allerdings mit der Konsequenz, dass für ihre Ehe immer weniger Zeit blieb. Als er nochmals das Thema „Kinder“ zur Sprache gebracht habe, habe sie ihm erklärt, das könne sie sich nicht mehr vorstellen – höchstens mit Kindermädchen und Haushaltshilfe, aber dafür verdiene er ja zu wenig. Da habe er endgültig gewusst, dass er die falsche Frau geheiratet habe. Als er von seiner Firma das Angebot eines Außendienstpostens bekommen habe, hätte er zugegriffen. Hirschberg: „Ende der Exklusivität.“

Brendel: „Meine Frau hat sich dann einen Hund angeschafft. Und einen Rechtsanwalt hat sie mit unserer Scheidung beauftragt. Der hat ihr als Erstes geraten, sich eine eigene Wohnung zu nehmen.“

„Waren Sie mit der Scheidung einverstanden?“
„Unsere Ehe war nicht zu retten. Wir hatten uns ja bereits auseinandergelebt.“
„Haben Sie eine neue Beziehung gesucht oder hatten Sie die Nase voll von Frauen?“

„Ich habe meine wiedergewonnene Freiheit genossen, ich habe aufgeatmet, ich konnte wieder sein, der ich war. Nicht dauernd aufpassen müssen, ob ein Fettnäpfchen herumstand; nicht nachdenken müssen, ob mir ein falsches Wort heraus gerutscht war; nicht mehr abchecken müssen, ob eine Geste oder Handlung als verletzend hätte verstanden werden können; keine Ausreden und Alibis mehr erfinden müssen, nur um Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen. Ich hatte endlich meine Ruhe.“

„Das muss ja die Hölle gewesen sein.“

Jetzt musste Hirschberg hinter die Tür „Männer“. Als er zurückkam, gab er dem Gespräch eine neue Wendung. Dieses Herumrühren in Privatangelegenheiten schmeckte ihm nicht. Dafür gab es Psychotherapeuten.

Hirschberg: „Da es so ist, wie Sie es beschrieben haben, und es nicht nur für Sie so ist, sondern für viele, sollten wir, das heißt unsere Gesellschaft, konsequent sein: Alle Ehegesetze abschaffen, jegliche Familienpolitik einstellen, die Menschen sich paaren lassen, wie sie wollen, ohne irgendwelche Vorschriften – die meisten machen das ja sowieso –, keinerlei Exklusivität mehr – Sie merken, mir gefällt das Wort.“

Brendel ging auf Hirschbergs Ironie ein: „Das wäre ein tolles Wahlprogramm!“

Hirschberg: „Vor allem bei Frauen würde es verfangen. Kein Zurück an die Kochtöpfe, zum Säugen und zum Windelwechseln. Nur noch ein K: Karriere. Gleiche Karrierechancen für alle, besonders für Frauen. Zusammenleben mit wem und wie lange, mit wie vielen und wo und unter welchen Umständen – das alles nur noch wie es beliebt. Endlich sollte man die Realität akzeptieren und nicht dauernd eine Familienidylle der Vergangenheit beschwören. Moderne Frauen in einer modernen Welt – ohne Küche, ohne Kinder, ohne Kirche.“

„An Ihnen ist ein Wahlkämpfer verlorengegangen!“

„Das Ganze hat nur einen Haken: Wo kommt die Folgegeneration her. Denn mit der Unsterblichkeit in ewiger Jugend ist es noch nicht so weit.“

„Da muss der Staat für sorgen.“
Hirschberg schulterklopfend: „Sie haben recht. Anders geht es nicht.“
„Die Mütter lassen ihre Kinder gleich im Krankenhaus, von wo der Staat sie übernimmt.“

„Das ist mir nicht konsequent genug. Warum die Frauen noch mit den neun Monaten belasten? Das macht sie nur unförmig, anfällig und unzugänglich. Außerdem beeinträchtigt es die Karriere.“

Brendel, ganz Staatsmann: „Richtig. Die Zeugung ist Sache des Staates. Er steuert den Bestand des Volkes. Eine Reproduktionsanstalt wird errichtet. Das kann man doch nicht Privateinrichtungen oder gar Sekten überlassen!“

„Sehr gut! Dann hätten wir das Problem mit dem Aussterben gelöst: Es gäbe immer genug Deutsche mit Erbgut natürlich nur vom Feinsten – wenn die Beamten in der Bundesanstalt für Bevölkerungsreproduktion keine Fehler machen.“

„Du sagst es!“ Jetzt hatte Brendel Hirschberg geduzt. Der registrierte das zwar, ließ sich aber nichts anmerken. Bei nächster Gelegenheit würde er Achim sagen. Brendel weiter: „Männer und Frauen geben in ihren besten Jahren ihr Erbgut beim Staat ab, sagen wir beim örtlichen Gen-Amt der Bundesanstalt für Bevölkerungsreproduktion. Anschließend werden sie in ihren Fortpflanzungsfähigkeiten außer Kraft gesetzt.“

„Das ist jetzt konsequent, Achim! Jetzt muss nur noch die Lücke vor dem Kindergarten durch staatliche Betreuungseinrichtungen geschlossen werden. Wie das die DDR ja schon vorgemacht hat. So bekommen wir endlich das ganze Frauenpotential unserer Gesellschaft in die Wirtschaft. Keine Fehlinvestitionen mehr in Berufsausbildungen, die dann in Haushalt und Mutterschaft vergammeln.“

Brendel hob sein Glas und prostete Hirschberg zu. Der stieg wieder ins Thema ein: „Genau das wäre es: Der Staat baut Samenbänke auf, erstellt bestes genetisches Material, sorgt für erstklassige Zeugung, zieht in allem tüchtige Babys heran; anschließend Hort, Kindergarten, Schuleinrichtungen, Universitäten, Erwachsene, freie Menschen – frei von jeglichem Beziehungsstress.“

Hirschberg hatte sich warm geredet: „Damit erreicht die Menschheit in ihrer Geschichte eine noch nie dagewesene Qualität. Was seit Adam und Eva nur qualvoll und risikoreich ging, die Frauen über Jahrtausende benachteiligte, das geht jetzt problemlos. Dank moderner Wissenschaft und moderner Staatskunst. Ist dir das klar, Achim? In Zukunft gibt es keinen Grund mehr für Ödipus-Dramen. Das Inzest-Tabu hat keine Grundlage mehr. Es gibt keine Verwandtschaft mehr. Nicht mehr Väter und Töchter, Mütter und Söhne, Schwestern und Brüder, Onkel, Tanten, Großväter, Nichten, Enkel – die ganze Mischpoke ist Schnee von gestern. Wenn das kein Quantensprung in der Menschheitsgeschichte ist!“

Hirschberg brach in lautes Lachen aus. Er sah, wie Brendel sein Glas austrank, und signalisierte der Bedienung, dass sie noch zwei Glas Bier bringen solle.

Hirschberg: „Das System wird sich ständig verbessern und verfeinern. Die Welt wird die Deutschen nicht wiedererkennen. Ein neues deutsches Volk, das mit den Schattenseiten seiner Vergangenheit nichts mehr zu tun hat, geläutert ist durch seine Weiterentwicklung, konsequent auf die bessere Zukunft ausgerichtet. Wie viele Deutsche, in welchem Alter, welchen Geschlechts, welcher Charaktereigenschaften und welchen Intelligenzgrades – all das legen die Fachleute der Bundesanstalt für Bevölkerungsreproduktion nach Bedarf und wissenschaftlichen Erkenntnissen fest.“

Brendel stand unvermittelt auf und ging zur Toilette. Hirschberg schmunzelte in sich hinein, hatte er sich doch mit seinen Phantasien ein wenig ausleben können. Wieder am Tisch, erklärte Brendel, er müsse jetzt nach Hause. Er zahlte und war im Nu weg.

(Aus „Am Vorabend des Vergessens“)

 

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