Ausflug zur Cala S‘ Amonià

… wind- und blickgeschützt … die Sonne genießend … ohne einen Anflug
von Scheu … in verschiedenen Welten …
Palma am frühen Vormittag. In der Jaime III. regt sich in einigen Boutiquen Leben. Ständer werden nach draußen gerollt, die Warenpräsentation hergerichtet, die Schaufensterdekoration einem prüfenden Blick unterzogen. Staubsauger summen. Verkäuferinnen huschen hinein. Den Straßenrand vor den Kolonnaden entlang fährt im Kriechgang scheppernd und dröhnend mit rotierenden Besenwerken, Wasser verströmend, ein Stadtreinigungsgerät, von einem hutzeligen Männlein in Stadtarbeiterkleidung gelangweilt auf Kurs „Saubere Stadt“ gehalten. Die übrigen Geräusche sind noch verhalten. Der Verkehrslärm und das grelle Licht des Tages haben die Stadt noch nicht erfasst. Noch reibt man sich die Augen, dehnt die Glieder, atmet die frische Luft. Hirschberg schlendert durch Palma.
Auf einem kleinen Platz verweilt er, setzt sich auf eine der Bänke unter Palmen. Der Platz ist auf einer Seite von Sonne beschienen, die andere Hälfte liegt im Schatten. Hirschberg gegenüber ein Nachtlokal. Die Leuchtschrift ist erloschen. Tauben flattern umher; zwei, drei von ihnen kommen dem Besucher näher, erforschen, ob er zu ihren Wohltätern mit gefüllter Plastiktüte gehört. Eine schwarze Katze huscht quer über den Platz. Eine andere, schwarzweiß scheckig, sonnt sich auf dem Fensterbord eines 1. Stockwerks.
Die Eingangstür des Lokals gegenüber steht weit offen. Der Gang ist dunkel. Heraus quillt die starke Fahne des kalten faden Gemischs von Zigarettenrauch und Alkohol. Irgendwo hinten durch muss ein besoffener Riese liegen. Die Fenster des angrenzenden Barraumes sind zur Straße hin geöffnet. Es wird gelüftet. Im Halbdunkel sieht man die Stühle auf den Tischen stehen. Aus dem Hintergrund kommt wie schon in der Jaime III. das monotone Summen eines Staubsaugers. Gelegentlich das ohrenverletzende Kreischen zur Seite gerückter Tische. Im Schaukasten neben der Tür vergilbte Fotos feuchtfröhlicher Zecher. Ein junger Mann spritzt den Bürgersteig ab. Um die Kotze im Rinnstein wegzubekommen, verschärft er mit dem Daumen den Wasserstrahl. Hirschberg steht auf und geht.
Vor den Cafés des Paseo Maritimo stehen Tische und Stühle auf dem Gehsteig. Gäste lesen Zeitung, trinken Kaffee. Er hat sich die deutschsprachige Inselzeitung gekauft und einen Platz ausgesucht. Er wirft einen ersten Blick hinein. „Un cafe con leche y azúcar!“ Der Camarero nickt und geht zum Nachbartisch. Dort nahm gerade eine junge Frau mit Sporttasche Platz. Hirschberg wird sein Zeitungspacken zu viel, so dass er einen Teil ablegt. Der Kellner bringt den Kaffee mit Milch und Zucker. Am Nebentisch serviert er Tee und ein süßes Gebäck. Die junge Frau nutzt die Gelegenheit der Lektüre-Unterbrechung durch den Kellner, um Hirschberg zu fragen, ob sie in den abgelegten Zeitungsteil einen Blick werfen dürfe. „Bitte schön.“
Die junge Frau kurz darauf: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen an den Tisch setze?“
„Wenn Sie mögen. Ich verstehe zwar nicht …“
Schon setzte sie ihre Kaffeetasse neben die seine, nahm ihre Tasche vom Nachbarstuhl und wechselte zu ihm. „Ich suche bei Ihnen Zuflucht“, sagte sie. Hirschberg sah sie mit erstaunter Miene an.
„Der junge Mann dort“, sie machte eine Kopfbewegung in Richtung Gehweg, „ist mir heute Morgen schon einmal begegnet. Ich kenne ihn nicht. Er ist mir nachgegangen. Ich hatte gehofft, er würde mich aus den Augen verlieren. Jetzt hat er mich wieder entdeckt. Und er
hätte sich bestimmt gleich an meinen Tisch gesetzt, wenn ich nicht zu Ihnen umgezogen wäre . Dankeschön! Immer diese Typen. Übrigens: Ich heiße Katha.“
„Abkürzung von Katastrophe?“
„Nein, von Katharina.“
„Schöner Name.“
„Wie ein Tourist sehen Sie nicht aus.“, sagte Katha prüfenden Blicks.
„Ich bin ja auch keiner.“
„Leben Sie auf Mallorca?“
„Nein, ich spanne hier nur ein paar Tage aus.“
„Haben Sie so einen anstrengenden Job?“
„Ausspannen, das sagt man so. Mir ging es darum, zur Ruhe zu kommen, Zeit zum Nachdenken zu haben, mich ein wenig in der Natur zu bewegen.“
„Dann sind Sie also so ein Schreibtischmensch?“
Hirschberg dachte: Ganz schön neugierig! Wollte sie auf etwas hinaus? Er mochte es, wenn Menschen Fragen stellten, sich interessierten.
Katha: „Für mich wäre so ein Bürojob nichts. Ich brauche Bewegung, Abwechslung, Aktion.“
„Brauchen Sie nicht auch mal eine Pause?“
„Klar. Aber eher, um etwas anderes zu erleben, um nicht in Routine zu verfallen. Eigentlich suche ich immer etwas Neues.“
„Lebenshungrig, was?“
„Aber nicht so, um Karriere zu machen, pausenlos durch die Welt zu hasten, viel Geld zu verdienen und keine Zeit, es auszugeben. Das ist mir zu einengend. Ich will Menschen kennenlernen.“
„Irgend etwas wird Sie immer einengen.“
Katha sah sich um, ob ihr Verfolger noch in der Nähe sei. Er war es. Sie wandte sich wieder Hirschberg zu.
Sie sagte: „Sicher. Aber dann möchte ich wissen, warum; ob ich das ändern kann oder ertragen muss. – Was engt Sie ein?“
Hirschberg stellte fest, die Frau war nicht langweilig, die hatte keine Scheu und ritt auch Attacke.
„Was mich einengt?“ wiederholte er nachdenklich ihre Frage und merkte, wie sie ihn forschend ansah. Sollte er ausweichend antworten? Philosophisch? Ehrlich? Er sah ihr ins Gesicht; sie wich nicht aus; ihre Miene: Antworte!
Er fing tastend an: „Vieles engt mich ein. Davon kann ich einiges ändern, vieles nicht.
Beispiel: Das Wetter. Das Klima auf Mallorca gefällt mir besser als das Klima in Deutschland. Also Einengung in Deutschland. Aber meinen Beruf übe ich in Deutschland aus. Deutsch ist die Sprache, in der ich denke und arbeite. In Deutschland bin ich aufgewachsen.“
„Dass ich als Deutsche geboren bin, ist also schon eine Einengung!“
„Wo auch immer Sie geboren werden – es ist immer mit einengenden Vorgaben verbunden, die manche bis an ihr Lebensende nicht verwinden.“
„Manche brechen aus, sobald sie können.“
„Die ‚Blumenkinder‘ zum Beispiel.“
Hirschberg fragte sich, war sie eine Aussteigerin? War sie deshalb auf Mallorca?
Er sagte: „Die jungen Frauen in Petersburg oder Kiew, die ihnen wildfremde deutsche Männer heiraten, in der Hoffnung Deutsche zu werden, dürften für einen Aussteiger aus Deutschland kein Verständnis haben.“
Sie sah ihn an und blickte dann weg, um nachzudenken. Er betrachtete sie: hochgesteckte blonde Haare mit dunklen Strähnen darin, dunkle Augenbrauen, braune Augen, klassisch gleichmäßige Gesichtszüge, ein eher herber denn lieblicher Gesichtsausdruck. Ihr Alter?
Vielleicht Mitte 20.
Katha: „Darüber würde ich gerne noch reden. Aber nicht jetzt. Da muss ich erst noch nachdenken, um keinen Quatsch zu reden.“
Pause. Wieder sah sie sich um. Nicht ängstlich, aber wachsam. Dann zurück zu Hirschberg: „Ich lebe nicht in Palma. Ich habe hier nur eine Freundin besucht. Ich brauchte eine kleine Auszeit. Heute Abend muss ich zurück. Meine Freundin arbeitet in einer Mode-Boutique. Ich habe sie eben dorthin begleitet. Interessiert Sie das überhaupt? Oder langweile ich Sie? Vielleicht haben Sie gar keine Zeit und ich halte Sie auf?“
„Nein, nein!“ wehrte er ab. „Erzählen Sie. Auch ich lerne gerne Menschen, ihre Ansichten und Lebensumstände kennen. Sie fliegen heute Abend nach Deutschland zurück?“
„Nein. Ich lebe hier. Seit einem halben Jahr arbeite ich als Tennislehrerin und Animateurin in einer Sportanlage bei Cala Ratjada. Das war eine Zeitlang ganz aufregend, aber jetzt nicht mehr. Ich wehre mich zwar dagegen, die Leute, mit denen ich zu tun habe, in ihrer Mehrheit als langweilig und uninteressiert einzuordnen, aber manchmal können sie einen mit ihren immer gleichen Fragen, mit ihren im Grunde recht bescheidenen Ansprüchen ganz schön nerven.“
Ganz schön anspruchsvoll, die junge Frau, dachte Hirschberg. Was hat sie denn erwartet? Er fragte: „Wie lange wollen Sie das denn noch machen?“
„Ich weiß nicht. Aber höchstens noch den Sommer über.“
„Was haben Sie vorher gemacht?“
„Ich habe Anglistik, Germanistik und Sport studiert. Aber nicht zu Ende. Der Hochschulbetrieb war mir eines Tages zuwider. Und ich war auch nicht sicher, ob das die richtigen Fächer für mich sind. Ich wollte Lehrerin werden.“
Hirschberg checkte durch: „Und wie sind Sie nach Mallorca gekommen?“
„Voriges Jahr im Sommer überredeten mich Freunde, mit in ein Surfcamp
zu kommen. Da bin ich dann hängengeblieben.“
Sie schwieg und ihre Augen richteten sich nach innen. Hirschberg fühlte, das sei jetzt der Augenblick, in dem er etwas von sich erzählen sollte. Noch einige Augenblicke des Schweigens und er begann:
„Ja, dann will ich auch ein wenig von mir erzählen. Übrigens: Ich heiße Jo. Johannes Hirschberg. Ich bin hier nur für ein paar Tage. Bekannte haben mir in Santa Ponça ihre Wohnung zur Verfügung gestellt. Ich wohne in Mehlem bei Bonn gleich gegenüber dem Drachenfels. Von der Ausbildung her bin ich Volkswirt und Soziologe. Seit 30 Jahren arbeite ich selbständig als Berater von Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen in den Bereichen Public Relations und Personal. Damit Sie wissen, bei wem Sie hier Zuflucht gefunden haben.“
„Das hört sich riesig interessant an.“
„Heute Nachmittag wollte ich noch etwas am Meer entlang spazieren gehen. Wenn Sie mitkommen wollen, kann ich Ihnen mehr erzählen.“
„Ich kenne die schönste Bucht von ganz Mallorca. Wollen wir da hin?“
Hoppla, dachte Hirschberg, aber warum nicht.
„Wie lange brauchen wir mit dem Auto bis dahin?“
„Eine Stunde.“
„Einverstanden.“
Sie gingen zum Auto, fuhren am Flughafen vorbei Richtung Santanyi über Llucmajor, Campos. In Campos war Markttag. Katha schlug vor, ein paar Lebensmittel einzukaufen, um am Strand Picknick zu machen. Sie kannte sich aus, sowohl mit Qualitäten als auch mit Preisen, stellte Hirschberg fest. Und sie konnte sich verständlich machen. Er zahlte.
Von Campos aus lotste Katha ihn über mehrere kleine Orte Richtung „schönste Bucht“. Rechts ab, links ab, immer weiter ins Land abseits der Durchgangstraßen. Die Felder, hier in ebenem Gelände, alle gepflegt. Das war Bauernland, nicht Touristeninsel. Die Straßen wurden immer schmaler. Auf beiden Seiten mit Mauern eingefasst. An manchen Stellen waren sie für Einfahrten geöffnet. Hin und wieder ein mächtiges Eingangsportal, von dem eine prächtige Allee zu einer hochherrschaftlichen Finca führte. Plötzlich kam ihnen aus einer Kurve heraus ein Riesentraktor mit hohem Tempo entgegen. Hirschberg und der Traktorfahrer mussten voll auf die Bremsen treten und kamen ein Meter voreinander zum Stehen. Der Traktorfahrer hob die Hand zum „Sorry“ und bedeutete dann, Hirschberg möge zurücksetzen. Katha hatte sich rechtzeitig mit den Händen gegen das Armaturenbrett abgestützt. Jetzt musste sie durchatmen. Er setzte zurück. Der Traktor nahm wieder Fahrt auf und fuhr dann voll in das Gestrüpp, das sich vor der Mauer, die hier etwas zurückgenommen verlief, ausgebreitet hatte. Er walzte mit seinen mächtigen Reifen einfach alles nieder. Vorbeifahren, winkte der Traktorfahrer. Es war knapp.
Die Strecke wurde eintönig. Hirschberg verlor in diesem Einerlei die Orientierung. Allein hätte er hier nicht wieder herausgefunden. Selbst Katha, die bisher so sicher war, wo es lang ging, bat an einer Kreuzung stehen zu bleiben, sie müsse überlegen. Sie entschied sich richtig.
Es dauerte nicht lange und die beiden Ausflügler wurden auf eine Geduldsprobe gestellt: Eine Schafsherde trippelte vor ihnen in Fahrtrichtung. Der Schäfer vorneweg, sein Hund bei den Nachzüglern, diese immer wieder zur Herde treibend. Der Schafshirte machte keinerlei Anstalten, die blökende, köttelnde, die Pflanzen am Wegrand abzupfende Herde auf eine der Straßenseiten zu nehmen oder wenigstens etwas schneller des Wegs zu ziehen. Sie mussten sich fügen.
Katha versuchte, die Zeit zu überbrücken: „Sind Sie zum ersten Mal auf Mallorca?“
„Nein, ich war schon zweimal hier. Jeweils eine Woche. Einmal zum Segeln mit Freunden, das andere Mal zu Besuch. Wir haben ein paar Ausflüge gemacht. Nach Soller, Alcudia, Albufera, Sant Elm, Palma natürlich. Ich würde gern mal für längere Zeit hier sein.“
Sie schwiegen. Jeder hing den eigenen Gedanken nach. Er: Auf welche Situation habe ich mich denn da eingelassen? Hirschberg war über sich teils belustigt, teils ungehalten. Anstatt sich einen ruhigen Tag zu machen, fuhr er mit einer jungen, ihm unbekannten Frau zur
„schönsten Bucht“ Mallorcas, einfach nur so. Andererseits: Wenn er diese Spontaneität, dieses situative Eingehen auf Menschen nicht mehr bringe – ja dann sei er alt und abständig. Er fand sich gut.
Und Katha? Sie fühlte sich wohl, wie lange nicht mehr. Der Mann strahlte eine Ruhe und Ausgeglichenheit aus, die sie faszinierte. Ein Mann, mit dem man reden konnte!
Plötzlich wandte sich die Straße nach rechts, gerade aus ein Feldweg – und in den hinein zog der Schäfer mit seiner Herde. Noch eine kurze Strecke und Katha sagte: „Wir sind da.“ Die Straße endete an einer steilen Treppe.
Katha hatte recht: Eine solch idyllische Bucht hatte Hirschberg noch nicht gesehen. In großem Bogen hatte sich das Meer ins Land gefressen, die Bucht immer spitzer zulaufend, am Ende ein schmaler Sandstrand. Das Wasser kristallklar. Nur leicht bewegt, klatschte es dann und wann an die Felswände. Hirschberg und Katha gingen in Richtung Meer.
Ein atemberaubender Blick tat sich auf: ein Häuserensemble wie aus dem Märchen schmiegte sich in den Steilhang auf der gegenüberliegenden Seite. Die Bootseinfahrten in Höhlen und Untergeschossen verrieten, dass es Fischerhäuser waren. Unbewohnt. Sie setzten sich. Katha wandte sich erwartungsvollen Blicks ihm zu. Er sagte: „Großartig.“ Beide schauten still aufs Wasser, die Bucht, die Kulisse, das Meer hinaus. Es wehte ein leichter Wind von Land her.
Sie gingen zu den Häusern rüber. Über enge Treppen, bei denen nie erkennbar war, wohin sie denn zwischen den ineinander verschachtelten Häusern führten, stiegen sie nach oben und nach unten, standen sie vor verschiedenen Haustüren und überlegten, wo es denn weiter ginge. Schließlich kamen sie ganz nach unten ans Wasser, wo Schienen von den Bootsgaragen, in Beton verlegt, ins Wasser führten. Katha ging auf einer dieser schiefen Ebenen hoch bis zu einem der Tore. Hier setzte sie sich. Die Sonne stand genau gegenüber. Es war warm, hier unten regte sich kein Lüftchen. Der Platz war wind- und blickgeschützt.
„Machen wir hier Picknick?“ fragte Katha. Hirschberg nickte zustimmend. Er sagte: „Ich suche Sitzmöbel.“ Mit zwei Brettern und zwei Balken kam er zurück. Auf einer Steinplatte hatte sie bereits das „Buffet“ arrangiert: eine in vier Stücke gebrochene Weißbrotstange, zwei Sorten Schinken, drei verschiedene Käsearten, Mandarinen, Orangen. Er baute die Sitze auf und sie erklärte: „Das Büfett ist eröffnet.“
Hirschberg nach einigen Bissen: „Wo leben Ihre Eltern?“
„Meine Mutter lebt in Essen. Mein Vater hat eine Wohnung in Düsseldorf. Er ist selten zuhause. Er reist in der ganzen Welt herum. Seit ich aus dem Haus bin, leben sie nicht mehr zusammen.“
„Was macht Ihr Vater?“
„Er ist Ingenieur. Für eine Maschinenbaufirma leitet er vor Ort die Montage von ins Ausland verkauften Maschinen. Da ist er oft monatelang weg, beispielsweise in Korea oder Lateinamerika. Ich habe ihn seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen.“
„Und haben Sie Geschwister?“
„Einen älteren Bruder. Er ist Chemiker und hat gerade seine Doktorarbeit
abgeschlossen. Er will an der Hochschule bleiben.“
„Hat er eine Freundin“?
„Er ist verheiratet und hat eine vierjährige Tochter. Meine Schwägerin ist auch Chemikerin. Sie arbeitet bei einem Pharmaunternehmen in der Forschung.“
Hirschberg wollte das Ausfragen nicht zu weit treiben. Deshalb schwieg er. Nach einer Weile erzählte sie von sich aus weiter:
„Mein Bruder hat zuhause nichts zu sagen. Meine Schwägerin bestimmt. Ich finde das nicht gut. Das ist keine Partnerschaft. Und die Kleine hat das schon gemerkt. Sie spielt die Beiden gegeneinander aus.“
Nach einer Pause fragte sie: „Und wie ist das bei Ihnen? Haben Sie Geschwister?“
„Ja. Eine ältere Schwester. Sie hat vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. Alle verheiratet. Neun Enkelkinder.“
„Und Sie? Haben Sie Kinder?“
„Einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn ist geschieden. Meine Tochter will erst gar nicht heiraten.“
„Ihre Frau…?
„…lebt nicht mehr. Vor sechs Jahren ist sie an Krebs gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Schon gut.“
Sie aßen schweigend zu Ende. Dann zog sie sich ein Stück zurück und lehnte sich halb liegend gegen das Holztor der Bootsgarage, die Sonne genießend. Er räumte derweil ab, packte die Abfälle zusammen und stand schließlich unschlüssig da, sich fragend, was jetzt tun.
Katha: „Würde es Sie stören, wenn ich ein Sonnenbad nehme?“
„Keineswegs. Ist ja ein bestens geeigneter Platz.“
Ohne einen Anflug von Scheu zog sie sich mit einer Selbstverständlichkeit, als stünde kein Mann neben ihr, den sie erst seit ein paar Stunden kannte, bis auf ihren Slip aus, bereitete sich mit den Kleidern einen Liegegrund, schob ihre Tasche als Kopfkissen zurecht, legte sich bequem und entspannt hin und genoss die warmen Strahlen der Frühlingssonne.
Hirschberg war zwar nicht verdattert wie ein Pennäler, aber wohl fühlte er sich auch nicht. Früher hätte er sicher einen roten Kopf bekommen und die Frau für verrucht gehalten. Doch das lief alles so natürlich und von ihr aus völlig unerotisch ab, dass er sich eingestehen musste: Das Problem liegt bei mir. Er löste es, indem er sagte: „Ich sehe mich noch etwas um.“ – „Okay.“
Er stieg wieder nach oben und weiter zum letzten der Häuser. Es hatte keinen eigenen Zugang zum Wasser. Sein Zustand war ziemlich heruntergekommen. Zu seiner Überraschung fand er die Tür zu einem kleinen zugehörigen Innenhof offen. Die Tür von dort ins Haus war ebenfalls offen. Vielleicht war einer drin. Er klopfte, rief „Hola!“ Es blieb still. Er wagte sich hinein. Ein paar Stufen führten nach unten in einen Felsenraum. Neben einem abgedeckten Wasserreservoir eine Kochanlage: Auf zwei kniehohen behauenen Steinen lag eine Eisenplatte, rechts und links darauf Randsteine, auf die die Kessel gestellt wurden. Alles in eine Nische gebaut, an deren Rückwand oben eine handgroße Öffnung nach draußen führte. Wände und Decke waren schwarz von Ruß.
Einen Tritt weiter nach unten ein Raum ebenfalls ohne befestigten Boden auf dem felsigen Untergrund, der wohl das „Esszimmer“ war: ein Holztisch mit Bänken, ein Fenster. Über eine schmale Treppe kam er ins Obergeschoß: zwei kleine Schlafzimmer mit jeweils einem Bettgestell aus Eisen auf nacktem Betonboden. Noch eine Treppe: ein weiterer Raum voller Matratzen. Alle drei Schlafräume hatten jeweils ein Fenster. Hirschberg überlegte, ob er die Persianas öffnen sollte – der Ausblick war ja sicherlich der größte Luxus hier. Er öffnete: Ein grandioser Blick über die Bucht auf das Meer hinaus.
Wieder draußen stieg er einige Meter einen Hang hinauf, um auf ein kleines Plateau zu gelangen. Zum Meer hin erhob sich nochmals eine Felsformation. Er durchquerte die mit Büschen bestandene Ebene und sah an deren Ende auf eine zweite Bucht herab. An einem immer steiler werdenden Felshang ging er so weit hinunter, bis er die Bucht, deren Wasser türkisfarben herauf schimmerte, einsehen konnte. Sie lief an einem breiten weißen Sandstrand aus. Am Fuß der steil zum Strand abfallenden Felswand eine Höhle. Wenn das kein Traumstrand war!
Als er zurückging, sah er Katha auf sich zukommen. Sie hatte die Kleidung gewechselt. Zuvor war sie mit Rock, Bluse und Lederjacke bekleidet, jetzt: Weißer Pulli, darüber einen leichten Pullover geworfen, blaue Jeans, Turnschuhe, die Sporttasche über die Schulter. Eine schöne Frau, kein Zweifel. Als sie sich trafen, fasste sie seine Hand. Er drückte sie. Es schien ihm, als wolle sie sich anlehnen – nur andeutungsweise.
Hirschberg: „Genug Sonne?“
„Es kamen Leute.“
„Ich würde gerne da noch rauf.“
Er deutete auf den Berg zum Meer hin.
„Dann sehen wir doch, ob das geht.“
Sie ging voraus. Und tatsächlich gab es einen Aufgang. Jetzt hatten sie einen herrlichen Rundumblick. Er wagte sich an die Kante zum Meer vor, um zu sehen, wie steil es nach unten ging. Sie blieb in sicherer Entfernung. Es war bis zum Wasser hinunter ein glatter Abbruch. Um nicht doch schwindelig zu werden, kam er zurück. Dann nahm er einen faustgroßen Stein und schleuderte ihn weit hinaus. Es war weder zu sehen noch zu hören, ob er ins Meer fiel.
Katha: „Hier geht es besser, zumindest kann man sehen, wo der Stein ankommt; sicher nicht im Wasser.“
Sie zeigte auf eine andere Stelle, wo der Berg in Stufen nach unten abfiel und das Untergelände nicht von einer Kante verdeckt wurde. Er nahm wieder einen Stein und warf ihn hinunter. Es stimmte, allzu weit kam er nicht, schon gar nicht bis zum Wasser. Sie hatte ihre Freude an dem Spiel des älteren Mannes: Da steckte auch noch ein kleiner Junge drin.
Auf dem Rückweg, kurz vor dem Haus, das er offen gefunden hatte, blieb sie stehen: „Ich will dir etwas verraten – eigentlich wollte ich es für mich behalten, damit du nichts Falsches denkst – hier habe ich den vorigen Sommer verbracht. Ich habe dir doch erzählt, dass ich eine Einladung zum Surfen hatte. Daraus wurde nichts. Statt dessen sind wir zu sechs Leuten hier raus, vier Jungs, zwei Mädchen, in dieses Haus …“
Sie brach ab und sah ihn an.
„Jetzt habe ich du zu Ihnen gesagt. Ist Ihnen das unangenehm?“
„Wenn ich Katha zu dir sagen darf, kannst du dabei bleiben.“
„Du bist prima. Also in dem Haus haben wir gewohnt. Die Unzulänglichkeiten habe ich die erste Zeit gar nicht wahrgenommen. Die Wochen waren wie ein Traum. Wir lebten wie im Paradies. Vorher war ich noch nie in einer so berauschenden Landschaft. Dazu das Klima, abends das Konzert der Zikaden, das Plätschern des Wassers; wir schliefen unter freiem Himmel, hier oben. Wenn wir Lust hatten, gingen wir auch bei Mondschein baden. Ich wünschte mir, nie mehr hier weg zu müssen. Verstand war nichts, Gefühl war alles. Aber nach und nach merkte jeder von uns, dass er noch andere Bedürfnisse hat, beispielsweise hin und wieder gerne duscht, nicht nur Obst, Suppen und Brot mag und auch schon mal die Klamotten wechseln möchte. Wir versuchten diese Dinge über die Nabelschnur zur Zivilisation, wie wir es nannten, zu regeln: Die Eltern von einem der Jungs haben hier in der Nähe eine Finca und in irgendeiner der Buchten ein Boot. Dieses Boot hatten wir zur Verfügung. Wir besorgten damit unsere Einkäufe, gingen zur Finca zum Duschen und wuschen unsere Wäsche.“
„So kann man doch eine Weile leben!“, meinte Hirschberg gespielt.
„Kann man. Aber dann kamen wir untereinander nicht mehr klar. Es fielen ja auch Arbeiten an. Wir Mädchen waren nicht gewillt, die Dienstmädchen für die Jungs zu machen. Die wiederum waren nicht fähig oder bereit, Hausarbeiten wie Saubermachen und Kochen wenigstens zu einem angemessenen Teil zu übernehmen. Einer von ihnen spielte sich schließlich als Boss auf und versuchte, Arbeitszuteilungen einzuführen. Den haben wir gegen die Wand laufen lassen. Zwei der Burschen wurden mir gegenüber immer zudringlicher. Es gab Zoff. Bald darauf, als wir gerade wieder zum Duschen und Waschen auf der Finca waren, meinten die Eltern, ob wir Mädchen nicht lieber im Gartenhaus wohnen würden. Wir nahmen mit Freuden an.“
Sie hatten sich gesetzt. Sie fuhr fort: „Mit den Eltern fuhren wir dann per Auto oder Boot hierher. Der autoritäre Typ war ausgestiegen. Eines Tages kam er mich besuchen, um mir zu sagen, in einer Sportanlage bei Cala Ratjada sei der Job einer Tennislehrerin frei. Außerdem wollte er mit mir über die misslungene Aktion ‘Paradies-Urlaub’ – wie er es nannte – reden. Er wollte sich vor mir rechtfertigen. Einer hätte das Kommando ja übernehmen müssen. Dass er vielleicht nicht die passende Art gefunden hätte, konnte ich ihm nicht klar machen. – An das alles habe ich mich eben erinnert.“
Sie standen auf und stiegen hinauf zum Auto. Während er den Wagen aufschloss, sagte er zu ihr herüber: „Es gibt kein Paradies auf Erden.“
Auf der Rückfahrt nach Palma waren beide schweigsam. Sie hatten das Gefühl, viel geredet zu haben. Schließlich kam Hirschberg auf eine Äußerung von ihr zurück: „Warum wolltest du mir das nicht erzählen? Was hätte ich missverstehen können?“
Sie zögerte. Dann: „Die Geschichten solcher Aussteigergruppen sind ja nicht unbekannt. Da wird viel geredet. Und man kommt schnell in Verruf. Deshalb erzähle ich eigentlich nicht darüber.“
Mehr wurde nicht gesprochen. Hirschberg überlegte, wie die Episode zu beenden sei. Sie noch zu etwas einladen? Nein, es war schon später Nachmittag und er war müde. Adressenaustausch? So wie man früher Bekanntschaften, die man auf Reisen gemacht hatte, zuhause fortsetzen wollte, aber nie tat? Nein, was sollte schon daraus werden? Sie lebten in verschiedenen Welten. Sie hätte seine Tochter sein können. Er würde sie in Palma absetzen, wo immer sie wollte. Und das war’s dann.
Sie überlegte Ähnliches, nachdem sie mit ihren Gedanken vom Sommer letzten Jahres wieder ins Heute zurückgekehrt war. Würde Jo, würde Herr Hirschberg sie noch auf einen Drink einladen? Mit dem Bus nach Cala Ratjada würde das noch hinkommen. Sollte sie ihm ihre Adresse geben und bitten, sie doch mal anzurufen? Sollte sie ihn um seine Adresse bitten? Sie beschloss, ihm die Initiative zu überlassen, sie wollte sich nicht aufdrängen.
Als sie am Flughafen vorbeifuhren, sagte er: „Ich fahre jetzt gleich weiter nach Santa Ponça. Wo musst du hin?“
„Ich muss zur Plaza España. Aber wenn du es eilig hast und über die Cintura fahren willst, kannst du mich an einer der Ausfahrten stadteinwärts absetzen.“
„Ich fahre dich zur Plaza España. Soviel Zeit habe ich. – Es war ein schöner Tag mit dir.“
„Mir hat es auch gefallen.“
Beide zogen sich hinter Höflichkeiten zurück, um in ihre Lebenssituation zurückzukehren. Sie hüteten sich vor weiteren Worten. Keiner wollte eine trügerische Hoffnung wecken, keiner die Erinnerung an diesen Tag durch eine falsche Bemerkung trüben.
In Nähe der Plaza España fand er einen Halteplatz; sie gab ihm die Hand, sagte
„Dankeschön“, er sagte, „Danke dir, Katha“, sie holte ihre Tasche vom Rücksitz – aber dann beugte sie sich nochmal ins Auto über den Beifahrersitz und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Backe. Tür zu. Weg war sie.
(Gekürzte Sequenz aus dem Buch: „Am Vorabend des Vergessens“)