Katha feiert sich als Schwangere 

Sie hatte nur ihren Morgenmantel übergezogen. Nachdem sie den Frühstückstisch abgeräumt hatte, ging sie wieder nach oben zurück ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett. Sonnenstrahlen erhellten das Zimmer. Sie schloss die Augen, fühlte in sich hinein. Da war es wieder: dieses sich regende Leben in ihrem Unterleib.

Nachdem es wieder ganz ruhig in ihr geworden war, stand sie vorsichtig auf, ließ den Morgenmantel fallen und streifte den Schlafanzug ab. Sie stellte sich auf die Waage, dann seitwärts vor den großen Spiegel. Sie hatte ein wenig zugenommen. Von einem Schwangerschaftsbauch konnte indes noch keine Rede sein, eine leichte Wölbung war zu sehen.

Sie streichelte ihren Bauch, auch ihre Hüften, ihre Brüste – sie gefiel sich. Beschwingt machte sie einige Tanzschritte. Sie ging hinunter in die Küche zum Kühlschrank. Einen Piccolo nahm sie heraus und stieg damit wieder nach oben. Sie öffnete die Flasche, schwang sie durch die Luft, begann erneut zu tanzen und trank dabei. „Ich trinke auf dich, mein Kleiner!“, rief sie aus. Sie wirbelte ausgelassen durch den Raum, sang dabei. Die Flasche trank sie nicht aus, sondern schüttete den Rest über ihren Leib. Schließlich ging sie ins Bad und duschte voller Lust.

Es war schon später Vormittag, als Katha ins Büro ging. Aus dem Briefkasten hatte sie die Post geholt, die sie jetzt an ihrem Arbeitsplatz öffnete und sortierte. Den Anrufbeantworter schaltete sie nicht aus. Ihr war nicht danach, Anrufe in Empfang zu nehmen. Ruhe wollte sie haben, sich ihrer Wonne hingeben. Schon im Bad hatte sie ihr Hochgefühl ausgelebt, sich sorgfältig mit allerlei Wohlriechendem betupft und benetzt, sich geschminkt, als gehe sie gleich auf den Laufsteg. Angezogen hatte sie ein farbenfrohes Kleid wie zu einer Sommerparty.

Sie setzte sich in Hirschbergs Lesesessel. Ihren Gedanken ließ sie freien Lauf. In ihr bahnte sich neues menschliches Leben seinen Weg hinaus in die Welt. Ihr war dieses Leben anvertraut. Sie war das Gefäß, der Humus, die Gebärende – die Mutter. Ihr Leib fand darin seine Erfüllung. Sie, Katha Hirschberg, bekam ihre Lebensaufgabe. Für dieses neue menschliche Leben hatte sie die Verantwortung. Was da heranwuchs, war ausgestattet mit dem Potential, das sie und Johannes als Teile der Geschlechterkette hineingelegt hatten. Was für ein Mensch sich daraus entwickle, mit welchen Eigenschaften und Fähigkeiten, was für ein Charakter sich bilde, daran würden sie, die Mutter, und er, der Vater, maßgeblichen Anteil haben.

Dankbarkeit und Freude stiegen in ihr auf bei dem Gedanken, dass Hirschberg der Vater war. Er war so stark und erfahren, so klug und einfühlsam. Ihr und dem Kind gab er eine Atmosphäre der Sicherheit und des Geborgenseins. Nein, sie war nicht die Superfrau, die Beruf, Haushalt und Kind hätte bewältigen können. Mochten andere Frauen ihr in ihrer totalen Selbständigkeit überlegen sein – ihr war es so lieber. Dieser Winzling in ihr, der sich nun bemerkbar machte, der zunehmend menschliche Gestalt annahm, den sie in wenigen Monaten als schreiendes und hungriges Wesen herausdrücken würde, der hörte bestimmt schon jetzt die ruhige Stimme seines Vaters.

Jos umsichtige Fürsorge, seine unauffällige Nachsichtigkeit und seine erprobte Standfestigkeit gaben ihr den Halt, sich ganz und gar auf das Abenteuer, Mutter zu werden, furchtlos einlassen zu können. So war auch sie selbstsicher und stark.

Sie stand auf und setzte sich an den Computer, klickte sich ins Internet und gab das Suchwort „Mutterschaft“ ein. Als sie die Fülle der Webadressen sah, verlor sie die Lust, all dem nachzugehen. Zu einem anderen Zeitpunkt würde sie die Informationsangebote durchsehen, die von Interesse sein könnten. Ausfindig machen wollte sie Beratungsmöglichkeiten und Vorbereitungskurse für sich, und wenn Jo mitwollte, auch für Paare. Aber das musste ja nicht heute sein. Gebären war ein natürlicher Vorgang. Warum eigentlich kamen die meisten Babys im Krankenhaus zur Welt? Eine Hausgeburt! Warum nicht?

Die Versöhnung mit ihrer Mutter kam ihr in den Sinn. Eine stille Belastung war aufgelöst worden. Auf eine neue Schiene war gekommen, was aus den Gleisen gesprungen war. Ihrer Mutter, der sie nichts verraten hatte, würde sie ein Loch in den Bauch fragen: Wie das denn bei ihren Schwangerschaften war, ob es Komplikationen gab, wie ihr Mann daran Anteil genommen habe. Zwar war heute sicherlich einiges anders als vor 25 Jahren, aber für sie war ja auch interessant, zu erfahren, wie die Mutter die ersten neun Monate ihrer Tochter wahrgenommen hatte.

Sie wollte etwas über ihre allerersten Anfänge erfahren. Wo wohnten sie? Wie war zu dieser Zeit das Verhältnis der Eltern zueinander? Welchen Anteil nahm der Vater, als die Mutter mit ihr schwanger war? Hatte ihre Mutter auch Tage solcher Hochgefühle, wie sie heute einen hatte? Gab es Freundinnen, mit denen sie sich über ihre Schwangerschaft austauschte? Welchen Beistand hatte sie seitens ihrer Mutter? Sie wollte alles wissen!

Heute Abend würde sie ihre Mutter anrufen, ihr sagen, sie habe ihr etwas verschwiegen und erste Fragen stellen. Jo könnte am Ende des Gesprächs den Hörer übernehmen und sie zu einem Besuch einladen. Dann gäbe es viel Zeit, um ausführlich miteinander zu reden. War das aufregend! Warum nur lehnten heute so viele Frauen eine Schwangerschaft ab? War es denn nicht die schönste und höchste Form der Selbstverwirklichung, sich zum kreativen Teil des Menschengeschlechts zu machen! Sich mit Gebären, Nähren, Erziehen,  Vorbild sein und Begleiten der nächsten Generation zu widmen!

Vom Ende des Lebens betrachtet: Was würde eine Frau eher mit Stolz erfüllen, beruflich erfolgreich gewesen zu sein oder Kinder erzogen zu haben? Für sie galt Letzteres. Sie wollte für Jo die beste aller Frauen sein und für ihre Kinder – das war ja gerade mal das erste! – die beste aller Mütter. So gesehen, wollte sie durchaus eine Karrierefrau sein.

Es war Mittagszeit. „Wir gehen jetzt etwas Gesundes essen“, sagte sie und ging hinunter in die Küche. Sie dünstete Gemüse, Kartoffeln und machte sich als Würze dazu aus Kräuterkäse eine Sauce. Als Getränk ein Bier. Während sie am Küchentisch aß, dachte sie wieder an ihre Mutter. Mit ihr würde sie gerne in den nächsten Wochen Umstandskleider kaufen. Sie erinnerte sich an ihr Bild am Morgen im Spiegel. Was würde ihr stehen? Zweckmäßig wäre etwas Legeres. Da die letzten Schwangerschaftsmonate in den Winter fielen, brauche sie warme Sachen.

(Aus „Am Vorabend des Vergessens“)

 

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